Albanischer Liebhaber
Ich
stöbere in einem Secondhand-Buchladen. Zwischen all den hellen
Buchrücken fällt mir einer auf:
Er ist schwarz. Der Name des Autors
ist weiss, der Buchtitel orange.
El amante albanés von Susana
Fortes!
Albanien,
ja, da war ich schon ein paar Mal unterwegs. Die einfache Zeichnung
einer nachdenklichen oder vielleicht auch müden Frau gefällt mir,
und so kaufe ich das Buch für ein paar Euro, ohne zu wissen, wer
Susana Fortes ist und worum es in dem Buch geht. Ein Kauf nach
Bauchgefühl, der manchmal überrascht, aber auch enttäuschen kann.
Ein Kauf auf gut Glück.
Susana Fortes wurde 1959 in Pontevedra, Spanien, geboren. Sie ist eine galicische Schriftstellerin, Journalistin und Filmkritikerin. Sie studierte Geografie und Geschichte an der Universidad de Santiago de Compostela sowie Geschichte Amerikas an der Universidad de Barcelona. Neben ihrer Lehrtätigkeit in Valencia ist sie für ihre Werke bekannt, in denen sie oft historische und politische Hintergründe mit Liebesgeschichten verbindet.
So auch die Geschichte des albanischen Liebhabers. El amante albanés spielt zur Zeit der albanischen Diktatur unter Enver Hoxha. Die Handlung ist eine Romanze zwischen einer Spanierin und einem Albaner, die sich während des Spanischen Bürgerkriegs kennenlernen. Wer Tirana besucht, wird unweigerlich mit der Geschichte des damals abgesperrten Landes unter Hoxha konfrontiert. Man besucht die Verliese in der Stadt und die unheimliche unterirdische Anlage etwas ausserhalb der albanischen Hauptstadt. Es ist schwer vorzustellen, wie die Menschen damals unter dieser Regierung mit Unterdrückung und ständiger Angst, angezeigt zu werden, gelebt haben. Wer den vorliegenden Roman liest, erfährt, wie es war, wenn die beschriebene Familie auch der gehobenen Klasse des Landes angehört und der Vater ein hochrangiges Parteimitglied war. Die beiden Söhne Victor und Ismael wachsen behütet auf und verstehen erst im Alter die eigene Familiengeschichte und den frühen Tod der Mutter.
Der Roman verbindet zwei intime Liebesmomente mit der Darstellung politischer Unterdrückung, Isolation und des Lebens im Schatten des Totalitarismus. Die Hauptfigur Ismael steht im Zentrum einer Beziehung, die von Liebe, Enttäuschung und dem Konflikt zwischen persönlicher Freiheit und politischer Zwangsordnung geprägt ist. Eine wichtige Rolle spielt das Kindermädchen Hanna, das Ismael im hohen Alter die Augen öffnet, sodass er erfährt, wer sein leiblicher Vater ist und warum seine Mutter so früh sterben musste.
Die letzten Kapitel erzählen vor allem von seiner Liebschaft zu seiner Schwägerin Helena, die mit dem Tod des Vaters endet. Zunächst sieht es so aus, als hätte der Vater Selbstmord begangen, doch wie kann sich ein Toter nach der Tat mit einem weissen Leinentuch zudecken?
Victor, der ältere Bruder, der in die Fussstapfen des Vaters getreten ist, vermutet, dass sein jüngerer Halbbruder Ismael den Vater erschossen hat. Als wichtiges Parteimitglied wird seine Anzeige ohne grosse Diskussionen als Tatbestand aufgenommen. Später kann Ismael dank Amnesty International nach Italien flüchten, wo er als Dichter mit Frau und Sohn lebt. Im letzten Absatz wird ein Satz des italienischen Dichters Cesare Pavese zitiert: Vendrá la muerte y tendrá tus ojos. Es kommt der Tod und er hat deine Augen. Allerdings kannte Pavese Helena Vorspi, die Schwägerin, nicht. Die Frage, wer der Täter ist, der den Vater und die Liebe zwischen Helena und Ismael getötet hat, bleibt somit offen und der Fantasie des Lesers überlassen.
Cesare Pavese (1908–1950) war ein italienischer Schriftsteller, Übersetzer und wichtiger Vertreter des Neorealismus.
