Albert Stauffer

27.07.2023

Nein, ich war noch nie in Kairo, ich war noch nie in Ägypten. Aber es wird Zeit, dieses Land zu besuchen. Alexandria, Kairo, Tal der Könige, Pyramiden, Luxor, den Nil mit den Felucca mit weissen Segeln auf blauem Wasser vor den goldfarbenen Dünen, Abu Simbel, die Schwarze Wüste und so mancher stille Ecken in einem weiten Land.
Alaa al-Aswani erzählt in seinem Roman aus Ägypten, der Jakubijan-Bau, das Leben in Kairo nach der Unabhängigkeit und nach Nasser. In einem einzigen Gebäude in der Innenstadt leben die Armen auf dem Dach, darunter in den grosszügigen Wohnungen Söhne von ehemaligen Paschas, Neureiche, der Chefredaktor der französischen Tageszeitung, Büros und Verkaufsläden im Erdgeschoss. Jeder der Bewohner erhält seine Geschichte, vermischen tun sich die Bewohner aber weder im Roman noch im richtigen Leben.
Auf das Buch, erschienen im Lenos Pocket Verlag Basel bereits im November 2009, wurde ich durch einen Zeitungsartikel aufmerksam. Im Feuilleton der NZZ wurde der ägyptische Starautor interviewt. Er würde von den Lesern geliebt, der Regierung sei er ein Dorn im Auge, heisst es im Untertitel. Gelesen habe ich das Buch das erste Mal ein paar Monate später, ein paar Zeilen dabei unterstrichen und wenige Abschnitte hervorgehoben.

Einer dieser damals unterstrichenen Abschnitte beschreibt die Innenstadt Kairos, welche für mindestens 100 Jahre das kommerzielle und soziale Zentrums der Stadt gewesen sei. Dort lagen die wichtigen Banken, die ausländischen Firmen, die Kaufhäuser, die Praxen und Büros berühmter Ärzte und Anwälte. Die Kinos und Theater, die feinen Restaurants und die angesagten Bars.

Wieso interessiert mich Kairo, wie es vor mehr als hundert Jahren wohl ausgesehen hat. Wo Kairo bis 1914 Teil des Osmanischen Reiches war. Wo noch nicht einmal mein Vater lebte, aber, so es die Erzählungen der Familie am Wohnzimmertisch will, mein Grossvater Albert gelebt und in einem internationalen Restaurant oder Hotel gearbeitet hätte. Kairo wurde zu beginn des 20. Jahrhunderts zur Kulturhauptstadt. Selbst die feine englische Gesellschaft zog es in diese Gegend. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges herrschte ein reges künstlerisches Schaffen. Am 18. Dezember 1914 erklärte Grossbritannien Ägypten offiziell zum britischen Protektorat, womit die letzten formalen Beziehungen zum Osmanischen Reich aufgehoben wurden. Das Stadtzentrum Kairos trug damals zu Recht den Titel "Paris entlang des Nils". Wohn- und Geschäftsgebäude, entworfen von französischen Architekten, lebte vor allem die wohlhabende Elite des Landes zusammen mit den reichen Ausländern im Zentrum.

Gekannt habe ich meinen Grossvater nicht. Von einer Inkarnation kann auch keine Rede sein. Ich bin im Februar geboren und im selben Jahr im April ist er gestorben. Trotzdem gibt es so viele Parallelen in unseren Leben, gleichen sich wie ein Ei dem anderen, wenn auch sein Leben für mich und aufgrund meiner Nachforschungen auch seinen Kindern riesige Lücken aufweist.

Ich kenne ein paar Details von seiner Jugend, seiner Flucht aus der Schweiz. Zuerst sei er in Italien als Liftboy gewesen, später im Tessin in verschiedenen Hotels an der Rezeption gearbeitet. Dann kommt die erste grosse Lücke. Irgendwie und irgendwann ist er in Ägypten gelandet und hätte dort in einem Hotel zuerst einmal in der Küche gearbeitet. Es kann aber auch sein, dass er an gleich er Rezeption gearbeitet hat. Keiner weiss es so genau. Wir kennen keine Einzelheiten, nichts Bestimmtes, seine Kinder wussten nur zu erzählen, dass er zu Hause Andenken aus Nordafrika aufgestellt hatte, dazu aber nie und niemanden etwas erzählte. Die Andenken sind nach seinem Tod verschwunden, so wie sein Wissen über sein Leben.

Die Aussagen seiner Kinder sind auch unterschiedlich. Der eine glaubt, dass er nicht vor dem Militär geflüchtet sei, sondern eher Militärdienst leisten wollte, sein Vater als Berufsmilitär aber davon abgeraten hätte.

Dann kommt die zweite Lücke und er taucht zu Ende des  Weltkrieges über Frankfurt am Main in Baden Baden, Schwarzwald wieder auf. Hier arbeitet er am Empfang des Hotels Bayrischer Hof und verliebt sich ins Servicemädchen, das später seine Frau sein wird und die Mutter meines Vaters, der auch in Deutschland geboren wird.
Ich nehme an, dass er auf Umwegen zurück in die Schweiz wollte, da er aber vor rund 15 Jahren den Militärdienst verweigerte und somit als Fahnenflüchtiger galt, während dem Krieg als nun 30 Jähriger nicht in die Schweiz einreisen konnte, ohne zu riskieren, verhaftet zu werden.

Sicher und belegt ist aber, dass er sich Ende Oktober 1913 in Baden-Baden für sechs Monate abmeldete und nach Ägypten reiste. Was wollte er knapp 5 Monate im Reich der Pyramiden?

Aber irgendwie hat es dann doch geklappt und mit Frau und Kindern ist er irgendwie im April 1920 in die Schweiz gelangt. Zuerst sei er aber alleine in Zürich gewesen. Von hier nach Luzern umgezogen, da kam dann auch die Familie nach. Als Rezeptionist hätte er im Hotel Sankt-Gotthard-Terminus gegenüber dem Bahnhof und der Schifflände, gleich neben der Hauptpost, gearbeitet, wo ihn dann sein Vater auch aufgestöbert hätte. Im gleichen Hotel unter Madame Toepfer hätte aber auch seine Mutter gedient.

Grossvater hatte Nachtdienst, ein älterer Herr meldete sich Silvesterabend des Jahres 1922 an der Rezeption und stellte sich als sein Vater vor. Viele Jahre sind vergangen, da er das elterliche Haus bei Nacht und heimlich verlassen hatte. Während er seinen Lebensweg suchte, litt sein Vater sicher darunter, seinen einzigen lebenden Sohn verloren zu haben und nicht zu wissen, was mit ihm geschehen, wo er steckt, was er treibt.
Die in der Familie erzählte Geschichte besagt, dass sich Vater und Sohn die ganze Nacht unterhalten hätten. Mein Urgrossvater sei schwer Krank gewesen und einer seiner letzten Wünsche war, seinen Sohn wieder zu sehen, was ihm nach Hinweisen Bekannter oder der Mutter auch geglückt ist. Er hätte sehr viel Bargeld und den Familienschmuck, vor allem den Wappenring, auf sich getragen. Kurz nach Mitternacht, also am Neujahrstag 1923, hätte Gottlieb Stauffer einen Herzinfarkt erlitten und sei daran verstorben. Sein Sohn nahm den Umschlag mit dem Geld und den Familienschmuck an sich und steckte sich den Wappenring an den Zeigefinger der linken Hand, bevor Polizei, Sanitäter und Krankenwagen eintrafen.

Nach den Berichten der Angehörigen sei er im Hotel gestorben, gemäss dem Totenregister der Stadt aber erst gegen Abend des Neujahrstages bei sich zu Hause in Luzern.
Mit diesem Vermögen hätte sich Grossvater dann das Restaurant Frohburg hinter dem Bahnhof gekauft und wurde zum Wirt. I den Büchern des Wirteverband Luzern erscheint mein Grossvater weder als Wirt noch als Inhaber. Später kam das Ausflugsrestaurant Schweizerheim in Ebikon dazu, wo mein Vater und Geschwister auch zur Schule gingen. Dies ist auch im Verzeichnis des Wirteverbandes so eingetragen. Im Jahre 1934 ist die Familie nach Horw ins Restaurant Eintracht gezogen. Hier lernte mein Vater seinen besten Freund Hans kennen, der meine Tante Lotte heiratete und mein Pate war. Im Mai 1957 kaufte mein Grossvater mit seiner zweiten Frau, Josefine Maria Krauer dann in Emmen, in Waldibrücke, das Restaurant Löwen. Verkäufer war ein gewisser Adolf Steffen. Der Betrieb war nicht nur Wirtshaus, sondern auch ein Landwirtschaftsbetrieb. Dieser wurde aber nicht von der Familie geführt. 1958 sei das Scheunendach vom Sturm beschädigt worden und erst 1978 hat mein Stiefonkel Albert das Restaurant bis ins Jahre 1984 übernommen. In diesem Jahr verkaufte er das Gasthaus an Ernst Mathis, Pächter war dann dessen Bruder Beat.

Vor allem die letzten Jahre können dank Nachforschungen in den verschiedenen Registern und Archiven der Stadt Luzern dokumentiert werden. Aber was und ob er überhaupt in Ägypten war, kann nicht belegt werden. In der Schweizer Vertretung des Osmanischen Reiches war er nicht registriert. Im Schweizer Club Kairo, der seit dem 19. Jahrhundert besteht, kann auch keine Auskunft gegeben werden.

Mein Vater und seine Geschwister sind tot. Seine zweite Ehefrau auch. Mit ihr hatte ich vor Jahren noch gesprochen, sie konnte mir aber auch nichts Neues erzählen. Bleiben Stiefonkel und Stiefcousine die nicht auf meine Briefe antworten. Das Leben von Albert Schweizer bleibt ein Rätsel, das niemals gelöst wird.