Algerien Bslama

19.01.2023

Leider hatte ich bei meinen zahlreichen Aufenthalten während den Jahren 2004 bis 2007 nie Zeit und die Möglichkeit, den nordwestlichen Ecken Algeriens zu besuchen. Die vergangenen 15 Jahre brachte mich weder meine Arbeit noch eine private Reise in diese Gegend. Ich schaffte es nur auf der marokkanischen Seite bis zur seit Jahren geschlossenen Grenze bei Oujda.
Im Dezember vergangenen Jahres fasste ich den Entschluss, kurzfristig zu reisen. Ich nutzte die zur Verfügung stehende Zeit bis zur Abreise das notwendige Visum zu beantragen (www.consulat-algerie.ch), die vielen Bücher, die ich in den vergangenen Jahren gesammelt hatte, zu studieren. Ausser den modernen Reiseführer besitze ich einige alte Reiseberichte, welche bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts reisen. Diese Art von Literatur gibt mir fast einen besseren Eindruck als heutige Berichte.

Die Pest, der Fremde und der erste Mensch wurden nach Jahren erneut gelesen. Die Lebensgeschichte des Albert Camus von Heiner Feldhoff halfen mir, mich in die kommende Reise einzulesen. Auch das nur auf spanisch vorliegende Buch von Javier Reverte half mir, die Spuren der Spanier in Oran zu finden und zu entdecken.

Air Algérie, https://airalgerie.dz,  bietet dreimal in der Woche ab Genf Flüge nach Algier. Seit dem Winterflugplan werden nun auch sonntags und mittwochs direkte Flüge ab Basel-Mulhouse in die Hauptstadt angeboten. Der Flug dauert knapp 2 Stunden und es wird sogar eine warme Mahlzeit gereicht. Der Flug mit einem Koffer bis 30 Kilo und Handgepäck, hin und zurück, gibt es bereits unter 250 chf. Die Einreise war problemlos mit einem sehr netten und hilfsbereiten Zollbeamten, der mir gleich ein paar persönliche Tipps auf die Reise mitgab. Innerhalb des Landes nahm ich die Eisenbahn, www.sntf.dz. Die Abfahrtszeiten werden auf die Sekunde eingehalten, die Ankunft bleibt dafür offen. In den Städten bewegt man sich mit den Petit Taxi für wenig Geld.

Mein Wunsch, nach Oran und Tlemcen zu reisen, ist alt, so alt wie die Kraft, die mich mein Leben lang zu unbekannten Zielen führte. Es ist nicht das erste Mal, dass ich nach Algerien reisen durfte, aber es brauchte 15 Jahre, bis der Wunsch in den Nordwesten zu Reisen erfüllt wurde.

Mein Grund, nach Oran zu reisen ist, eindeutig, Albert Camus. Ich wollte sehen und erleben, wo er während seiner Zeit mit seiner zweiten Ehefrau in Oran gelebt und gearbeitet hat. Ich wusste, keiner wird sich an ihn erinnern und so war es auch. Keiner der heutigen Bewohner seiner damaligen Residenz wussten etwas über ihn und kannten weder seinen Namen noch seine Geschichte, geschwiegen seine Bücher. Nur die Mauern des Gebäudes konnten von ihm erzählen, aber während der letzten Jahre wurden sie mehrmals überstrichen und ihre Stimme erreicht nur schwach mein Ohr. Die Bäume entlang der Rue Larbi-Ben-M'Hisi erzählten so manche Geschichten, doch die neuen Blätter und Äste wussten nur, was ihnen der Baumstamm erzählte, und das ist nicht mehr viel.
Interessant waren auch meine Spaziergänge durch das spanische Erbe Orans. Viele der Orte sind noch vorhanden, doch verlassen. Das spanische Viertel ist teilweise total zerstört. Bauruinen warten auf einen Neuaufbau. Positiv Überrascht hat mich dafür die renovierte und sehr gepflegte Stierkampfarena.

Mit Tlemcen ist es anders. Es besteht eine Beziehung zur Geschichte von Granada, knapp 330 Kilometer Luftlinie entfernt. Während meiner Zeit in Granada wurde aber der Name der Schwesterstadt nie erwähnt oder ich erinnere mich nicht mehr. Der Flucht der Mauren wird in den Geschichtsbüchern als Exodus nach Nordafrika beschrieben und vor allem Städte des heutigen Marokkos genannt. Keiner erwähnt Tlemcen. Eine innere Kraft fesselt mich aber seit Jahren an diese Stadt und deren Geschichte, und es wurde Zeit, die Monumente, die verbliebenen Reste der Vergangenheit und die Gegenwart der Stadt und seiner Umgebung selber zu erleben und kennenzulernen.
Ein paar Tage vor der Abreise hatte ich einen wirren Traum. Mein Leben würde sich während meines Aufenthaltes in Tlemcen entscheidend verändern. Ich führte dies auf die intensive Lektüre und Studium der Stadt zurück und vergass den Traum, wie man so manchen Traum vergisst, der nur kurz nach dem Erwachen in unserem Bewusstsein bleibt. Ich erinnerte mich erst wieder an den Traum, als ich in den Zug von Oran nach Tlemcen stieg und sich mein Blick mit zwei tiefen, dunkeln kastanienbraunen Augen für eine Sekunde kreuzten.

Den letzten Tag verbrachte ich in der Hauptstadt. Die Innenstadt und die angrenzenden Viertel überraschten mich durch ihre Sauberkeit. Auch die Algerier können die Strassen und öffentlichen Plätze sauber halten. Am Morgen meiner Abreise regnete es in Strömen. Endlich Regen, sagten sich die Einwohner. Die Strassen, Bäume und Hausfassaden wurden vom Staub befreit. Auch die Ausreise war ohne die vielen Kontrollen wie noch vor Jahren. Durch das Unwetter hat sich zwar der Abflug etwas verschoben. Zum Abschied zeigte sich auch wieder kurz die Sonne. Algerien, ich komme wieder, deine Menschen sind so freundlich und deine Vergangenheit voller Geschichte. Bslama!