Brücke

12.07.2026

In seinem Roman "Die Brücke über die Drina" erzählt Ivo Andrić die Geschichte einer Brücke: von ihrer Vorgeschichte und Entstehung zur Zeit der Osmanen im 17. Jahrhundert bis zu ihrer Zerstörung während des Ersten Weltkriegs. Die Brücke erlebte nicht nur selbst viel zu dieser Zeit, sondern sie beeinflusste auch den kleinen Ort Višegrad am Fluss Drina in Bosnien, unweit der serbischen Grenze.

Die 250 Schritte lange und 10 Schritte breite Brücke mit ihren elf weit gespannten Bögen verband beide Ufer und ihre Plattform diente den Menschen als Treffpunkt und Schauplatz persönlicher Schicksale. Der Roman wurde im Januar 1945 veröffentlicht. Ivo Andrić erhielt im Jahr 1961 den Nobelpreis für Literatur.

Bosnien war seit dem 15. Jahrhundert osmanisches Territorium. Nach dem Türkenkrieg von 1683 schwand die osmanische Macht und das Gebiet geriet wiederholt unter den Einfluss der Habsburgermonarchie. Österreich-Ungarn besetzte Bosnien und Herzegowina 1878 unter internationalem Mandat und annektierte die Region 1908 endgültig. Diese Annexion war Teil einer machtpolitischen Konstellation, in die auch Serbien, Montenegro und das Osmanische Reich involviert waren. Sie führte zur sogenannten Bosnischen Annexionskrise und verschärfte die Spannungen mit Serbien. Dies trug 1914 zur Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo und zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs bei.

In der vorliegenden Taschenbuchausgabe (dtv 14235) spricht der Autor in Kapitel 11 über die Veränderungen im Leben der Stadt Ende des 19. Jahrhunderts wie folgt:

In der ersten Zeit sah man nur die Armee, wie aus der Erde quollen die Soldaten hinter jeder Ecke und jedem Strauch hervor. Das Basarviertel war voll von ihnen, aber sie waren auch in allen Teilen der Stadt. Alle Augenblicke kreischte irgendeine erschreckte Frau auf, weil sie im Hof oder im Pflaumengarten hinter dem Haus unerwartet auf einen Soldaten gestossen war.
So begann eine neue Zeit unter der Besatzung, die von den Leuten, da sie es nicht verhindern konnten, als vorübergehend angesehen wurde. Was kam nicht alles in diesen ersten Jahren der Besatzung über die Brücke.
Am Anfang schien es, als kämen sie zufällig, wie vom Wind hergeweht, und nur zum vorübergehenden Aufenthalt, um unter uns mehr oder weniger das Leben zu leben, das man hier seit eh und je lebte. Als müssten die zivilen Behörden die Besatzung, die die Armee bewahren hatte, noch für einige Zeit fortführen. Allerdings wurde die Zahl der Fremden mit jedem Monat, der verging, immer grösser.
Was die Leute in der Stadt aber am meisten überraschte und mit Staunen und Misstrauen erfüllte, war nicht so sehr ihre Anzahl, als vielmehr ihre unverständlichen und undurchsichtigen Pläne, ihr unermüdlicher Arbeitseifer und die Ausdauer, mit der sie an die Ausführung dieser Pläne gingen.
Diese Fremden drohten nicht und liessen auch niemanden in Ruhe. Sie schienen entschlossen, mit ihrem unsichtbaren, aber immer stärker fühlbaren Netz von Gesetzen, Verordnungen und Vorschriften das Leben selbst mit seinen Menschen, Tieren und toten Gegenständen zu erfassen und alles um sich herum zu verändern und zu berücken, das äussere Bild der Stadt, die Gewohnheiten und die Natur der Menschen von der Wiege bis zum Grab.
Aber all das verrichteten sie ruhig und ohne viele Worte, ohne Gewalt und Herausforderung, so dass es nichts gab, dem man sich hätte widersetzen können.

Diese aus dem erwähnten Kapitel kopierten Zeilen zeigen, wie schnell sich Menschen an eine neue Situation anpassen können und wie schnell sie vergessen, wie es früher war – in wenigen Monaten, ja Wochen. Bis heute zählt das reine Überleben, der tägliche Kampf bei der Arbeit und in der Familie sowie die ruhigen Stunden bei Kaffee und Tabak mit Freunden. Letztendlich sind die eigenen persönlichen Probleme wichtiger als die Ideen und Auffassungen der Herrschenden. In dieser Hinsicht hat sich seit dem 19. Jahrhundert nicht viel verändert. Die Einflüsse werden radikaler und die betroffenen Menschen, denen dies als Fortschritt verkauft wird, machen mit.

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