Fahrt nach Tlemcen

11.01.2023

Heute Vormittag bin ich nochmals auf neuen Wegen durch Oran spaziert. Mir ist bereits gestern aufgefallen, dass sich hier auch die einzelnen modernen Geschäfte auf feste Strassenabschnitte reduzieren, oder, wie bereits berichtet, die Ersatzteilhändler für Fahrzeuge auf ein ganzes Viertel. Heute spazierte ich zuerst durch die Strasse der Mobiltelefon Verkäufer. Ein Laden reihte sich an den andern mit allen uns bekannten Marken, ausser Appel. Weiter ging es entlang der Strasse für Baubedarf, durch einen riesigen Markt mit Kleidergeschäften und fliegenden Händlern, alle mit Markenimitationen. In einer anderen Strasse konnte Stoff am Meter in allen möglichen und unmöglichen Farben gekauft werden, was wieder dazu führt, dass es im Verhältnis sehr viele Fachgeschäfte und Reparaturwerkstätten für Nähmaschinen gibt. Früher wurde bei uns ja auch noch viel selber genäht, so wie Rieke Busch in "Ein Mann will nach oben".
Diese strikte Gliederung der einzelnen Geschäftsbezirke stammt aus der Tradition der hiesigen Wochenmärkte, wo auch jedes Gremium seit Jahrhunderten seinen eigenen Platz hat und so gegliedert sind.

Die Fahrkarte für die rund 3-stündige Fahrt nach Tlemcen in 1. Klasse hat den stolzen Preis von 1 Euro 30! Die Abfahrt ist auf die Minute, die Ankunftszeit kann niemand genau sagen. Der Schaffner meinte wohl so um die 35-Minuten Verspätung, wie immer. Am Schluss waren es knapp eine Stunde. Aber das ist ja nur Nebensache, wichtig ist, wir kommen an, inshallah. Der Zug, bestehend aus 3 Wagen der zweiten Klasse und einem der ersten Klasse war voll. Bis zum ersten Halt mussten Mitreisende sogar stehen. Ich war der einzige Ausländer und somit Tourist auf dem Zug. Ich fand einen freien Platz an einem Vierertisch. Ich wurde von meinen männlichen Mitreisenden herzlich begrüsst und Willkommen geheissen.
Die mitreisenden Frauen, ob jung oder alt, lächeln mir zu. Die üblichen Fragen nach dem woher und wohin lassen nicht lange auf sich warten. Rings um mich wird dabei zugehört und untereinander flüsternd kommentiert. "Wie gefällt es Ihnen in Algerien?", die Frage, welche später oder früher immer gestellt wird. Die ersten Mitreisenden mischen sich ins Gespräch mit meinem Sitznachbarn ein. Zuerst wird noch auf Französisch gesprochen, später dann nur noch auf Arabisch diskutiert. Mich haben sie vergessen. Ich war aber sicher der Grund, dass es zu den lebhaften Diskussionen kam und jeder seinen Standpunkt über seine Heimat verteidigte.
Hinter mir sitzen eine Mutter mit ihrer Tochter. Sicher haben sie alles genau mitgehört und mitverfolgt, was ich erzählte und was über und durch mich diskutiert wurde. Kreuzten sich unsere Blicke, wurde freundlich gelächelt. Mit jeder Haltestelle leert sich der Wagen mehr. Die Mutter hinter mir möchte gerne wissen, in welchem Hotel ich in Tlemcen absteigen werde. Dass ich noch nichts reserviert hätte, erstaunt sie und fängt mit ihrer Tochter zu nuscheln an. Die Tochter hätte eine Ausbildung als Rezeptionistin absolviert, sei aber zurzeit arbeitslos, erklärt mir die Mutter. Die Tochter greift umgehend zu ihrem Telefon und so wie ich verstehe, ruft sie verschiedene ihr bekannte Unterkünfte an und fragt nach Preisen und Verfügbarkeit. Dies ohne mich etwas zu fragen. Nach ein paar Gesprächen verkündigt sie zufrieden, sie hätte für mich ein Zimmer in einem kleinen familiären Hotel in der Stadtmitte reserviert.

Tlemcen liegt auf 800 Meter und die letzten Minuten der Bahnfahrt führen nach einer fruchtbaren Ebene mit roter Erde durch Tunnels und Brücken über die Schluchten von El-Ourit bis zu meinem nächsten Reiseziel. Kalter Wind empfängt mich auf dem Bahnsteig. Ein Taxi fährt mich bis zum Eingang einer Verkaufsstrasse, vollgestopft mit fliegenden Händlern. Kein Durchkommen für ein Fahrzeug. Ich werde von einem Mitarbeiter der Unterkunft abgeholt. Wir weichen den Ständen und den Kauflustigen aus. In den angrenzenden Läden wird Schmuck, Kleider und Haushaltsgegenstände verkauft. Ein Markt, so wie ich ihn liebe!

Tlemcen liegt im Tellatlas und war einst eine wirkliche Hauptstadt. Es gibt den grossen Platz Khemisti Mohamed vor der Moschee Sidi Bel Hassan. Einen zweiten grossen , den Platz Emir Abdel Kader.
Allah hatte von Anfang an grosses vor mit Tlemcen. Vom zwölften Jahrhundert an war es, einmal für länger, dann wieder für kürzere Perioden, die wirkliche Hauptstadt des Maghreb. In enger Verbindung mit dem maurischen Spanien entwickelte sich Tlemcen zu einer Stätte arabisch-maurisch-berberischer Hochkultur. Baumeister aus Andalusien errichteten die meisten der heute noch bestehenden sechsunddreissig Moscheen und die Paläste der Herrscher. Es wuchs allmählich ein einheimischer Mittelstand von Kunsthandwerkern und Beamten heran, wie er in keiner anderen algerischen Stadt zu finden war und wie er sich teilweise noch bis zum heutigen Tag erhalten hat. Auch die später aus Spanien vertriebenen Muselmanen bevorzugten das blühende Tlemcen, die Gebirgsstadt mit dem ausgeglichenen Klima, in der sich die Handelsstrassen von Fez nach Tunis und von der Küste in die Sahara kreuzten.

Tlemcen zählte zu seiner Blütezeit mehr als 130'000 Einwohner. Jede der Gruppen sprach ihr Dialekte und Sprachen, jede Gruppe hatte andere Sitten und Wohnbezirke. Noch heute wohnen die Hadars, die stolzen Nachkommen der aus Andalusein nach Nordafrika vertriebenen Mauren im Osten von Tlemcen und blicken mit Verachtung auf die im Westen hausenden "Rasse der Knechte", die Nachkommen türkischer Beamter und zugezogener Landbewohner herab. Lange Zeit waren die Koulouglis die Freunde der Franzosen gewesen und hatten von 1834 bis 1836 sogar auf französischer Seite gegen Abdel Kader gekämpft. Dies wahrscheinlich nur deshalb, weil die Hadars Gegner der Franzosen waren. Im Maghreb ist der Feind meines Feindes mein Freund.
Die Gruppe der Schwarzen ist in Tlemcen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung grösser als in Algier oder in den Städten des Mitidja. Sie sind Nachkommen von Sklaven. Vom arabischen Sklavenhandel ist uns wenig bekannt, aber wo man Araber findet, trifft man auf Schwarze. In Afrika war die Sklaverei die natürlichste Sache der Welt. Wer bei einer Stammesfehde oder in einem Krieg in Gefangenschaft geriet, wurde Sklave.