Kolonie Algerien
Wir
schreiben das 19. Jahrhundert und für Nordafrika beginnt eine grosse
Wende. Vor allem englische und französische Kolonialsoldaten
pflanzten den Union Jack und die Trikolore auf den Dächern der
Fürstenpaläste. Europäisches Denken und Politik brachen in
Nordafrika ein, ähnlich wie einst der Islam. Das Zeitalter des
modernen Kolonialismus hatte begonnen. Den Anfang machten die
Franzosen:
1830 marschierten sie in Algerien ein.
Zu dieser Zeit stand Algerien noch unter der Herrschaft des Osmanischen Reichs. Ein Streit zwischen dem türkischen Dey von Algier und dem französischen Konsul veranlasste die Franzosen, deren Armee in Marsch zu setzen. Der eigentliche Grund war jedoch, dass die Engländer den Franzosen weltweit wichtige Kolonien wegnahmen und immer reicher wurden. Nach Napoleons Niederlage blieben den Franzosen lediglich einige Inseln in Westindien und einige Stützpunkte im Senegal. Ihr Traum war es, ganz Afrika zu einer französischen Kolonie zu machen, und dafür musste man zunächst den Küstenstrich zwischen Oran und Tunis erobern. Man wollte landwirtschaftliche Produkte, Baumwolle, Edelhölzer, Metalle und später Erdöl importieren und dabei den Kaufpreis diktieren. Die europäische Waffentechnik und Industrie waren weit fortgeschritten, sodass man niemanden aus der Dritten Welt fürchten musste. Hier geht es um den Imperialismus! Doch offiziell ging es um die Ehre und darum, die Demütigung des Dey vor drei Jahren zu rächen. Am 15. Juni 1830 landeten 34.000 Soldaten mit 4.000 Pferden an der nordafrikanischen Küste. Die Eroberung Afrikas konnte beginnen.
Zu dieser Zeit war Algerien ein in Ohnmacht gefallener Staat. Die Deys hatten sich aus der Oberhoheit der Türken gelöst und regierten das Land mehr schlecht als recht. Sie wurden von den einheimischen Arabern und Berbern wenig geliebt, anfangs noch gefürchtet, nun jedoch nur noch halbherzig respektiert. Während die Deys vor allem an der Küste herrschten, regierten die Kaids verschiedener Berberstämme in den Bergen und Wüsten.
Am 5. Juli erreichten die französischen Truppen Algier und setzten die Stadt in Brand. Im folgenden Jahr rückten sie bis nach Oran vor, sodass sie bereits 500 Kilometer Küste unter ihrer Kontrolle hatten. Sie würden rasch auch den Rest des Landes besetzen und eine ertragreiche Kolonie beherrschen. Doch je weiter sie ins Landesinnere vorstiessen, desto mehr Widerstand trafen sie. Berber aus der Kabylei mit altertümlichen Krummsäbeln und Gewehren stellten sich den Eindringlingen entgegen. Jahrhundertelang waren die Berber von der Welt vergessen gewesen und hatten ein stolzes Eigenleben geführt. Von den Kolonialtruppen aufgeschreckt, mussten sie erneut ins Licht der Geschichte treten. Einige Anführer erlangten legendären Ruhm, darunter Abd el-Kadr. Im Jahr 1832 erklärte er den Franzosen den heiligen Krieg.
Abd el-Kadr war kein Berber, sondern stammte aus einem alten mekkanischen Geschlecht und war somit einer der wenigen reinblütigen Araber. Seine Familie lebte seit jeher in einem kleinen Ort in der Nähe von Mascara, von wo aus seine Vorfahren die umliegenden Stämme regierten. Seine Vorgänger waren jedoch nicht nur Kaids, sondern viele von ihnen waren auch heilige Männer, sogenannte Marabus. Diese zogen für mehrere Jahre in die Einsamkeit, um zu fasten und zu beten, und kehrten dann als Prediger in ihre Dörfer zurück. Zur alten Tradition der Familie gehörte auch, dass ihre jungen Söhne, so auch Abd el-Kadr, zunächst die Pilgerfahrt nach Mekka unternahmen und anschliessend ein paar Jahre an der Al-Azhar-Universität in Kairo Theologie und islamisches Recht studierten. Voll Tatendrang kehrte Abd el-Kadr nach Algerien zurück. Als 21-Jähriger hielt er sich im Hintergrund seines Vaters, fiel jedoch bereits durch seine kurzentschlossene und zupackende Art auf.
Als die Franzosen gegen Oran zogen, geriet der dortige Bey, der immer hochmütig auf die Berber herabblickte, in Panik und sandte einen Boten mit der Bitte um Hilfe. Die stolzen Berber antworteten nicht auf die Bitte. Um gegen die neuen Eindringlinge eine Einheit zu bilden, wollten die Berber Abd el-Kadrs Vater zum Sultan küren. Dieser lehnte jedoch zugunsten seines Sohnes ab. Ab el-Kader liess sich nun Emir al-Muminin, Fürst der Gläubigen, nennen. Er wünschte sich, dass aller Streit unter den Muslimen begraben würde und dass ein starker islamischer Staat geschaffen würde, in dem es keinen Unterschied mehr zwischen den Gläubigen geben dürfte.
In der Zwischenzeit zogen die Franzosen fast kampflos nach Westen. Als auf den Hügeln Reiterscharen mit alten Gewehren auftauchten, machten sich die französischen Offiziere keine grossen Gedanken. Diese primitiven Bergstämme konnten schliesslich keine ernsthafte Gefahr für eine moderne Armee darstellen. Doch in ihrer Armee gab es keine tollkühnen Reiter, die alle Hindernisse überwinden, den Kugelregen nicht scheuten und über die Leichen der Gefallenen weiter vorpreschten. Jeder Hügel, jede Kurve, jeder Felsen und jedes Tal wurde für die Franzosen nun zur Bedrohung. Die Berber kannten ihr Land, und mit dem Partisanenkrieg konnten sie so manche Schlacht für sich entscheiden. Der französische Vormarsch kam ins Stocken. Im Sommer 1844 kam es am Fluss Isly auf marokkanischem Boden zur entscheidenden Schlacht. Achttausend Fremdenlegionäre standen einer dreifachen Übermacht aus Berbern und Marokkanern gegenüber. Doch was konnten die mit Gewehren bewaffneten Fusssoldaten und die wenigen Reiter mit Lanzen und Krummsäbeln gegen die Franzosen ausrichten? Die modernen Waffen entschieden den Kampf zu ihren Gunsten. Zwölftausend Kabylen und Marokkaner fielen den pausenlosen Gewehrsalven zum Opfer. Das war das Ende des Widerstands. Abd el-Kadr konnte mit wenigen Getreuen die Flucht ergreifen und verschwand im Landesinneren. Doch er kehrte zurück und versuchte, die Franzosen auf die erfolgreiche Art anzugreifen. Doch seine Energie liess nach und viele Stämme unterschrieben Verträge mit der neuen Kolonialmacht. Nach 15 Jahren heiligen Krieges ergab er sich. Er durfte aus Algerien ausreisen. Abd el-Kader verbrachte seine letzten Lebensjahre in Damaskus, von wo aus er das Geschehen in seiner Heimat verfolgte, ohne zurückzukehren.
Algerien
kam nicht zur Ruhe. Das Land der besiegten Kabylen wurde zum
Staatseigentum erklärt. In Oran wurden angesehene Araber öffentlich
ausgepeitscht. Ein Aufstand angesehener Scheiche formierte sich, um
gegen die Ungläubigen zu kämpfen. Zweihunderttausend Menschen
folgten dem Ruf, doch sie wurden von über 80.000 Franzosen besiegt.
In der Rede des französischen Kolonialministers vom 18. August 1872
wird deutlich, was Frankreich in Afrika und insbesondere in Algerien
wollte:
"Nationen
sind nur so gross wie ihre Aktivitäten. Frankreich muss überall
dabei sein, wo immer Weltinteressen aufeinanderstossen. Für reiche
Länder sind Kolonien die vorteilhafteste Investition des Kapitals.
Frankreich, das an seinem eigenen Kapital erstickt, muss sich bewusst
werden, dass es seine Pflicht ist zuzugreifen, bevor es andere tun."
So folgten Tunesien und Teile Marokkos als französische Protektorate. Der Norden Marokkos und der Landstreifen gegenüber den Kanarischen Inseln wurden Spanien übertragen. Libyen wurde 1911 von den Italienern besetzt. In allen von Kolonien besetzten Ländern zermürbten sich die einheimischen Stämme in gegenseitigen Fehden und Streitereien. Die Berber und Araber mussten aufhören, sich in ihren Sippen, Klans und Stämmen abzukapseln. Sie mussten sich öffnen und lernen, nationalistisch zu denken, um in der Einheit eine Chance gegen Frankreich zu haben. Benötigt wird ein moderner Abd el-Kadr, der nicht nur die Berber, sondern auch die Neu-Araber der Städte und der Küste vereint.
Am Montag, dem 1. November 1954, begann in Algerien der Unabhängigkeitskrieg. Die Rebellen hatten auf dieses lange Wochenende gewartet, da die Behörden und die Polizei am Allerheiligenfest ruhten. Im Aures-Gebirge wurde eine Kaserne überfallen und im Rathaus einer Provinzstadt explodierte eine Bombe. Für die Franzosen waren Aufstände in diesem schwer zugänglichen Gebiet keine Seltenheit. Eine Strafexpedition wurde in die Täler geschickt. Es gab jedoch weitere Anschläge und Brandstiftungen bei französischen Grossgrundbesitzern. Zunächst glaubte man an Sabotageakte, doch bald stiessen die Soldaten an verschiedensten Punkten des Landes auf bewaffnete Trupps, die sich nach einem kurzen Feuergefecht fluchtartig zurückzogen und in den nahen Tälern Unterschlupf fanden. Im Hafen von Algier explodierten Tanks mit Petroleum und ein Gaswerk. Dies war neu: Berber und arabisch sprechende Stadtbewohner kämpften zusammen!
An
der Spitze der algerischen Partisanen standen nun nicht mehr nur
Berber aus dem Hinterland, sondern auch Städter, die als schlecht
bezahlte Arbeiter lebten. Diese Männer konnten Französisch und
waren über das Weltgeschehen informiert. Sie kannten die Lehren von
Mao Tse-tung und Ho Tschi Minh. Sie begriffen, dass sich auch mit
einer schlecht ausgerüsteten Partisanenarmee Kriege gegen eine
moderne Kolonialmacht gewinnen lassen. Sie fühlten sich durch den
Sieg der Viet Minh über die technisch überlegenen Franzosen
ermutigt. Die verschiedenen Gruppen fanden sich zu einer einzigen
Organisation zusammen: der FLN (Front de Libération Nationale). Nun
kämpften nicht mehr Kabylen, Berber oder Einwohner von Algier, Oran
und Constantine gegen die Kolonialherren, sondern das gesamte Volk
gegen den Besatzer. Es gab keine Unterschiede zwischen den einzelnen
Völkergruppen mehr, für sie gab es nun nur noch Algerier!
Der
Krieg nahm riesige Dimensionen an: 800.000 französische Soldaten
standen in Algerien bereit, um gegen rund 100.000 Partisanen zu
kämpfen.
Mit
welchem Recht durften die Algerier die Franzosen vertreiben?
Schliesslich habe es erst seit der Kolonialisierung asphaltierte
Strassen, Bewässerungssysteme, Obstplantagen, saubere Städte,
Industrien und Schulen gegeben.
Dies
sind jedoch nur Halbwahrheiten, mit denen 130 Jahre
Kolonialgeschichte gerechtfertigt werden sollen. Die einst freien
Bauern wurden enteignet und durften ihr Land anschliessend als
schlecht bezahlte Arbeiter weiter bearbeiten. In den Städten lebten
die Einheimischen am Rande in Elendsvierteln.
Die
Grossgrundbesitzer legten hingegen riesige Olivenhaine und
Zitrusplantagen an. Der Weinbau wurde gefördert. All dies geschah
jedoch für das Heimatland, wo diese Produkte sehr gefragt waren.
Nach der Unabhängigkeit fehlten im Land Lebensmittel und Gemüse.
Was sollten die Algerier mit all den Orangen und dem Wein, den sie
aufgrund ihrer Religion nicht trinken durften, anfangen? Eine Zeit
lang waren sie von den alten Herren abhängig, doch bis 1972 blieb
Algerien die Nummer eins bei der Weinproduktion. Danach verschwand
das Land von der Statistik.
Es
wurden Schulen gebaut, die jedoch den französischen Kindern
vorbehalten waren. Einige Einheimische, die in der Verwaltung als
Übersetzer benötigt wurden, durften studieren. Koranschulen waren
verboten, ebenso wie die arabische Sprache an den Schulen der
Einheimischen. Unterrichtet wurde die Geschichte Frankreichs, nicht
die der Kolonie. Auch hier zeigte man kein Interesse an den
zahlreichen gebildeten Algeriern, die ihr Wissen möglicherweise
gegen die ausländischen Herren gewendet hätten.
Das Jahr 1962 kam und Algerien wurde unabhängig. Es folgten freie Wahlen und damit die erste Überraschung. Vor allem auf dem Land wurden fromme Muslime gewählt. Diese einfachen Männer waren von den Politikern, die zu viel von revolutionären Veränderungen sprachen, abgeschreckt. Im Landesinnern blieb Algerien streng islamisch und so gelangte mit Houari Boumedienne ein Moslem an die Spitze der FLN. Islam und Sozialismus waren seine Ideale. Er drängte die Kommunisten aus den Ämtern und erklärte den Islam zur Staatsreligion. So wurde Arabisch zur offiziellen Sprache, die manche der alten Berber zuerst einmal wie eine Fremdsprache lernen mussten. Denn als Araber bekennt man sich nicht nur zum Islam und seiner Kultur, sondern gliedert sich auch in eine riesige Völkergruppe ein.
