Manu Dibango

04.09.2022

Es herrschte ein kalter Wintertag mit Schnee in Luzern. Wir schrieben das Jahr 1978. Welcher Tag es genau war, kann ich mich nicht erinnern, aber sicher war es ein Donnerstag, dann waren die Abendverkäufe, die Geschäfte offen bis 21 Uhr und wir steckten in keiner Dezember Ferienwoche, denn ich hatte Berufsschule.
Kollegen erzählen, dass es einen Musikladen in der Hertensteinstrasse gäbe, mit toller, alternativer Musik, tolle Typen, ein Muss, wie einer wie mich. Ich stampfte durch den Schnee Richtung Innenstadt, die Hertensteinstrasse war und ist immer noch lang. Von der Alpenstrasse bis zum Falkenplatz. Irgendwo gegenüber der ABM, im ersten Stock, Old Town Store, nicht zu verfehlen, die Musik aus einem Lautsprecher hörte man schon von weitem. Rechts vorne ist der Eingang zur ABM, ich höre Musik, an einem der verbliebenen Altstadthäuser prangert ein gelbes Leuchtschild, darauf der Umriss eines Mannes mit Brille, er zeigt auf mich. Die Haustüre steht offen. Über dem Eingang hängt eine Lautsprecherboxe. Fremdartige sehr rhythmischer Jazz erfüllt das Treppenhaus. Im ersten Stock, auf der rechten Seite eine offene Türe zu einem Jeansladen. Links eine weitere offene Türe, der Eingang zum Schallplattenladen. Damals gab es nur Vinyl!
Ein etwas grösseres Wohnzimmer öffnet sich, den Wänden entlang Vinyl in Holzkisten, in der Mitte des Raumes ein langer Tisch, voll mit Vinyl. Vor dem Fenster ein Tisch mit Plattenspieler, wo die gewünschten Schallplatten über Kopfhörer angehört werden konnten, bevor man sich zum Kauf entschied. Links und rechts von den Fenstern zwei riesige Lautsprecher. Darunter sitzt ein junger Typ, lange schwarze Haare, krumme Nase, wippt mit dem Kopf zur Musik, der Verkäufer Mike. Neben ihm steht ein für mich damals etwas älterer Mann mit Brille, der dem Typen auf dem Leuchtschild täuschend ähnlich ist, Erich, der Inhaber.

Ich mag mich an den ersten Besuch erinnern, als wäre es gestern gewesen und nicht vor 44 Jahren. Die darauf folgenden Jahre war ich nicht nur Donnerstags dort, sondern immer wenn ich Zeit hatte und Lust auf neue Musik, die auf DRS2 im Autoradio nicht lief. Eine Zeit lang habe ich sogar als Verkäufer ausgeholfen, vor allem Donnerstag Abend und Samstag.

Die Stilrichtung der Musik aus dem Lautsprecher war mir fremd, wenn auch irgendwie bekannt. An der Wand zwischen den beiden Fenstern war ein Schild "Du hörst" und das Plattencover der zu hörenden Musik. Nicht nur die Musik war fremd, auch das Cover. Eine in ein langes braunes Hirtenkleid bekleidete junge Frau stand auf einem Baumstamm im Sand der Wüste. Hinter ihr eine Art Busch, Weite, Dunst. In grossen roten Buchstaben steht MANU DIBANGO, kleiner darüber in Schwarz gehalten und leicht gespiegelt, Africavision.

Manu Dibango war ein kamerunischer Saxophonist, Vibraphonist, Pianist und Sänger. Er entwickelte durch die Verbindung von Jazz mit traditioneller kamerunischer Musik und der populären kamerunischen Tanzmusik Makossa einen eigenen Musikstil. Sein vielleicht bekanntester Song, der ihm die Tür zur Musikwelt öffnete, hiess dann auch Soul Makossa, erschienen im Jahr 1972, geprägt durch sein Saxophonspiel und sein unvergleichlicher Singsangredegesang.
Geboren wurde er im Jahre 1933 in der Hafenstadt Douala. Teile vom heutigen Kamerun waren bis 1919 deutsches Schutzgebiet.  Im Vertrag von Versailles wurde nach dem ersten Weltkrieg Kamerun in ein Britisch- und ein Französisch-Kamerun aufgeteilt. Im Jahre 1960 wurde Kamerun unabhängig von den Franzosen, ein Jahr später dann auch von den Engländern. Douala befand sich auf französischem Hoheitsgebiet.
Zur Schule ging Manu in Frankreich. Als Schüler entdeckte er während der 1950er Jahre den Jazz für sich und lernte als erstes das Klavierspiel. Erst später begann er mit dem Saxophon und fing an, in Nachtclubs aufzutreten, was seinem Vater gar nicht gefiel, der ihm daraufhin auch den väterlichen Unterhalt strich. Während seiner Zeit in Brüssel  afrikanisierte sich sein Jazz durch den Kontakt mit dem kongolesischen Milieu, das in Belgien infolge der Zuwanderung aus der Demokratischen Republik Kongo vor und nach deren Unabhängigkeit im Jahre 1960 entstand.
Der bereits erwähnte Song "Soul Makossa" wurde der erste Number-One Hit eines afrikanischen Musikers in den amerikanischen Charts. Damit kam eine Karriere in Gang, die ihn weltweit bekannt machte und sehr beliebt in seiner Heimat. Er setzte sich intensiv für die Belange des afrikanischen Landes ein und war um kulturellen Austausch bemüht. Er starb im März 2020 in Paris, geblieben ist mir seine Musik, jetzt nicht nur auf Vinyl.