Nachbarn

12.06.2022

Das Wort Nachbar stammt vom althochdeutschen "nahgibur" aus dem 8. Jahrhundert und bezeichnete den nächstwohnenden Bauern. Der Nachbar bezieht sich heute - vor allem in soziologischer Hinsicht - auf ein auf "räumlicher Nähe basierendes Sozialsystem ". In ländlichen Gebieten ist der Begriff meist viel weiter und umfasst zumindest die gegenüber und nebenan wohnenden Personen oder jene im Umkreis bis zu etwa 100 Metern. Dies gemäss Wikipedia.
In meinem Wohnhaus, wo ich seit knapp zwei Monaten wohne, nicht lebe, sind wir 8 Nachbarn, verteilt auf 5 Stockwerke. Persönlichen Kontakt hatte ich bis heute mit dreien, das heisst, es ging über ein kurzes Hallo hinaus, aber auch nicht mehr. Weitere drei habe ich im Treppenhaus gegrüsst, die restlichen bis heute nicht gesehen. Unser Wohnhaus geht auf einen in Basel typischen Innenhof, der von Häusern vierer Strassen eingezäunt wird. Von meinem Balkon aus sehe ich die Nachbarhäuser dreier Strassen, nicht aber die Häuser der eigenen Strasse. So zähle ich über 100 Nachbarwohnungen, auf dessen Fassaden und Balkone ich blicken kann. Links, auf der ersten Etage leben zwei junge Spanier. Darüber habe ich schon mal jemanden auf dem Balkon gesehen und im obersten Stockwerk leben weitere junge Menschen. Im zweiten Haus kann man eine ältere Frau am Fenster beobachten. Schräg gegenüber im Erdgeschoss sitzt ein älterer Mann rauchend auf dem Balkon. Darüber wohnen wohl Studentinnen. Ein paar Häuser überspringend rauchen ein junges Pärchen hie und da auf der Terrasse, auf gleicher Höhe, im nächsten Haus habe ich einmal eine junge Mutter mit Kind auf dem Balkon Abendbrot essen gesehen. Weiter rechts sitzt ein Mann mit nacktem Oberkörper unter dem Sonnenschirm. Viele der Wohnungen haben die vergilbten und verwaschenen Sonnenstoren Tag und Nacht unten. Da sehe ich keine Seele, höre manchmal unverständliche Gespräche, Geklapper aus einer Küche, Musik aus dem Radio oder Fernsehen. Spielende Kinder in einem der begrenzten Innenhöfe der Häuser höre ich spielen, streiten und weinen, sehe sie aber nicht. In dem zu unserem Wohnhaus gehörenden Vorplatz mit Einzelgaragen sehe ich Autos und Motorräder ein- und ausfahren. Sonst herrscht hier kein Leben, ausser einmal im Jahr, da ist Flohmarkt im Viertel.
Jeder wohnt in seinen vier Wänden, versucht zu leben, zu überleben und kämpft mit seiner Einsamkeit, Zweisamkeit und Familie. Die europäische Krise nimmt von Tag zu Tag zu, prallt an den Mauern ab, dabei könnten wir uns gegenseitig helfen, vernünftige, verantwortungsbewusste Menschen zu werden.