Seneca

24.08.2022

Ich habe sogar Seneca gelesen, ja den Philosophen Lucius Annaeus Seneca, ein römischer Philosoph, Dramatiker, Naturforscher, Politiker und als Stoiker einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit. 
Seine Schriften sind klar formuliert und noch dem heutigen Leser, also auch mir, unmittelbar verständlich. Sein humanitär grundiertes Denken kreist um die Kunst der Lebensführung, die zu Seelenruhe und innerer Freiheit führt. Tu also, als würdest du die Fehler deiner Mitmenschen nicht sehen, nicht bemerken. Die Lehre des Philosophen befolgen kann aber bei gewissen Mitmenschen ein schwerwiegender Fehler sein, denn je toleranter desto mehr wirst du von denen beleidigt. Meine philosophische Weisheit, ja Weisheit, wird mit Schwäche und Trägheit verwechselt.
Ich bin von Natur aus empfindlich, lasse mich nicht schnell beleidigen, aber wenn der berühmte Tropfen das Glas überlaufen lässt, dann breche ich den Kontakt umgehend ab, ob ein langjähriger Freund, ein Nachbar, der Verkäufer im Laden gegenüber, die Bedienung im Restaurant oder auch ein Familienmitglied. Ich streiche sie aus meinen Gedanken, lösche sie aus meiner elektronischen Agenda und kann sehr gut ohne sie leben. Bei den Geschäften ist es nicht schwierig, es gibt ja genügend in meinem Viertel. Das gleiche mit den Restaurants und Bars, der Wechsel steigert sogar die Gedanken, Gespräche mit neuen Bekannten. Schwieriger wird es dann schon bei der Verwandtschaft und den Freunden. Die finden sich nicht gleich in der nächsten Strasse. Aber ich lerne auch ohne Familie zu leben, das Schicksal des Jüngsten ist sowieso, dass die engere Familie alle gestorben sind, seit Jahren das Grab ausgehoben wurde und Träume mit ihnen selten sind. Wer von der Familie in dritter und vierter Linie noch lebt, ist für Mitteleuropäer, sowieso nicht mehr Familie. Familie ist hier ein sehr eng gezogener Kreis, Grosseltern, Eltern, Kinder. Bei gewissen Familien gehören nicht einmal mehr Onkel, Tanten, also die eigenen Geschwister dazu.
Anders ist es in den südlichen Ländern Europas, da ist die Familie gross, nein riesig. Da gehören zur engen Familie sogar Mitglieder die nicht einmal mehr das gleiche Blut in den Adern führen. Aber als Witwer der Coucousine gehört auch er zur Familie, wie die Kindeskinder des Halbbruders.
Manchen Bekannten, Freunden, Familienmitglieder gegenüber empfinde ich nicht einmal Hass, eher Gleichgültigkeit. Seneca mag sagen, was er will, aber die Gleichgültigkeit ist beständiger als die Liebe und bleibt nach Monaten, Jahren noch frisch, nicht wie die Liebe, welche mit den Jahren verwelkt und mit etwas Glück für Bekannte, Freunde, Familie zur Gleichgültigkeit wechselt und somit über Jahre überleben kann.