Wanderlust
Ein
kleines, unscheinbares Büchlein, knapp fünfzehn Zentimeter gross,
reist seit einigen Jahren mit mir herum. Im Lenos Verlag Basel sind
mehrere Bücher des Genfer Nicolas Bouvier veröffentlicht worden.
Nachdem ich seine Reisebücher Blätter von unterwegs und Die
Erfahrung der Welt sowie alle weiteren gelesen hatte, kaufte ich mir
auch dieses kleine Einodion, ohne damals zu wissen, dass es eines
ist, denn bis gestern habe ich es nicht gelesen.
"Lob
der Reiselust", aus dem Französischen von Gio Waeckerlin Induni
übersetzt, erschien als Sonderausgabe im Jahr 2013 im erwähnten
Verlag. https://lenos.ch/buecher/lob-der-reiselust/isbn:978-3-85787-440-6
Gemäss der Buchbeschreibung des Verlags erschliesst Nicolas Bouvier uns die Lebensgeschichten der Schweizer Weltenpilger, zu deren Familie er sich selbst zählt. Er schildert das Schicksal namenloser Auswanderer und das Leben von Persönlichkeiten, die wie er an Claustrophobia alpina litten, darunter Thomas Platter, Paracelsus und Jean-Jacques Rousseau. Mit der Begeisterung und dem Scharfblick eines unermüdlichen Bildersammlers zeichnet er das Porträt berühmter von Fernweh Getriebener, die über die Meere reisten, orientalische Märchenerzähler oder Schriftstellergefährten. Wenige Jahre vor seinem Tod schildert Nicolas Bouvier seine Begegnungen von unterwegs, erinnert sich an Autoren, die ihn geprägt haben, und lässt uns an seiner Welterfahrung teilhaben.
Schon das erste Kapitel über das Lob der Schweizer Wanderlust stimmte mich betroffen und nachdenklich. Es geht hier nicht nur ums Reisen, sondern um den Reisenden, den Menschen. Um das Unstete, das einen Reisenden erfasst, um immer neue Horizonte zu eröffnen. Die Unruhe, wenn er einmal für längere Zeit an ein und demselben Ort sein muss. In den ersten Tagen und Wochen entdeckt der Reisende, der nicht weiterreisen kann, den Ort, der ihn daran hindert. Das Sein bietet noch genügend Nahrung durch das Kennenlernen neuer Menschen, ihrer Kultur und ihres Lebensstils. Das Entdecken des Ortes nährt Seele und Verstand. Der Leib freut sich über die ausgedehnten Spaziergänge in jeden Winkel des Ortes und somit in unser eigenes Sein. Sollte der Ort nicht gross sein, verlassen wir ihn bald durch seine Tore und streifen durch das nahe Umland. Es gibt Hügel und Berge zu besteigen, Flüsse und Bäche zu durchwaten sowie Weiden und Wälder zu durchqueren. Es wird nicht langweilig, und die Mussestunden in unserem vorläufigen Zuhause nutzen wir zum Schreiben und Lesen. Es ist nicht einfach, die Gedanken, die einem vor dem Einschlafen durch den Kopf gehen, auf Papier festzuhalten. Sie sind flinker als die Finger auf der Tastatur der Schreibmaschine. Hinzu kommt die Trägheit vor dem Tiefschlaf. Der Körper ist vom Spaziergang müde und der Kopf vom herben Wein etwas vernebelt. Nur die Gedanken sind nicht müde und streifen durch ferne Welten.
Ich habe schon versucht, aufzustehen und bei einer weiteren Flasche Wein diese Gedanken einzufangen und aufzuschreiben. Einmal ist es mir gelungen.
Ich habe auch schon versucht, diese Gedanken in meine Träume zu übertragen, um sie dann am kommenden Morgen noch präsent zu haben. Es ist mir einmal gelungen.
Ich habe schon versucht, während des Frühstücks bei einer Tasse schwarzem Kaffee die Flüge meiner Seele von gestern zu rekonstruieren und sie zu Papier zu bringen. Einmal ist es mir gelungen.
Aber keine Sorge, es ist nicht schlimm, wenn diese Gedanken verschwinden. Eines Tages tauchen sie wieder auf. Sie kommen zurück, denn auch sie haben das Bedürfnis, aufgeschrieben zu werden. Plötzlich sind die Finger so flink wie die Gedanken. Aber aufgepasst: Wenn die Gedanken feststellen, dass sie aufbewahrt werden können, wollen sie auf einmal alle auf Papier gebracht werden. Der Kopf beginnt zu brummen, die Gedanken stürzen wie ein Wasserfall auf mich ein und wenn ich nicht aufpasse, stürzen alle Versuche in- und aufeinander. Der Kopf stürzt ab und es ist schwer, ihn in diesem Moment wieder aufzurichten – selbst mit Wein und Zigaretten.
Der eigentlich aufzuschreibende Gedankengang gerät zur Nebensache und ich erinnere mich daran, dass ich früher in meinen Träumen fliegen konnte. Mit kaum merklichen Bewegungen meiner Arme konnte ich abheben. Mit den Fingern konnte ich die Richtung ändern und mit den Händen die Höhe und Geschwindigkeit bestimmen. Lange bin ich nachts geflogen. Ich habe die Welt von oben gesehen und mich selbst, wie ich auf der Welt wandelte. Ich habe gesehen, was man nur im Traum und aus der Luft sehen kann. Und plötzlich, ich weiss nicht, seit wann, kann ich nicht mehr fliegen. Ich habe sogar vergessen, dass ich fliegen konnte. Bis heute, wo sich diese Erinnerung in meine Gedanken zur Reiselust einmischt. Dabei hat sie hier gar nichts zu suchen. Oder will mir die Erinnerung ans Fliegen zeigen, dass ich wieder fliegen soll? Die Fähigkeit des Traumfliegers zurückgewinnen und nicht nur von meiner Reiselust träumen.
Die Lust am Reisen wurde mir bereits bei der Zeugung vorgegeben. Ich war eines der rund 200 Millionen Spermien, die mein Vater aussendete. Da er bereits über 40 Jahre alt war, waren es vielleicht ein paar hundert weniger, aber das spielt keine Rolle. Wir Spermien suchten den Weg von der Vagina meiner Mutter durch den Gebärmutterhals in die Gebärmutter und von dort weiter in die Eileiter. Im Eileiter, dem letzten Zwischenziel, waren wir nur noch wenige hundert. Nun mussten wir uns noch durch den Zervixschleim und die Kontraktionen der Gebärmutter kämpfen. Viele blieben liegen, hatten keine Kraft mehr und gaben kampflos auf. Ich gehörte zu den wenigen, die nun die freigegebene Eizelle suchten. Irgendwie war ich der Erste, der sich in sie einnistete. Erst mit der Zeit verstand ich, dass ich meine erste Reise erfolgreich beendet hatte und mir ein Leben bevorstand, das gelebt werden wollte.
Nach ungefähr neun Monaten kam ich am Aschermittwoch des Jahres 1961 auf die Welt. Meine Mutter liebte die Fasnacht. Mein Vater hätte sich gefreut, wenn ich wie er und seine Mutter, also meine Grossmutter, am Güdismontag, dem 14. Februar, geboren worden wäre. Doch ich hatte bereits damals meinen eigenen Kopf und alle mussten einen Tag auf mich warten. Zu Hause erwartete mich eine 14 Jahre ältere Schwester. Der Rest gehört nicht in diese Geschichte, denn hier geht es ums Reisen.
Meine ersten Lebensjahre kenne ich von verblichenen Schwarz-Weiss-Fotos und späteren Erzählungen meiner Familie. Mein Vater, der in einer Fabrik arbeitete, liebte Sonntagsspaziergänge und nahm mich mit. Später unternahmen wir Sonntagsausflüge. Während meiner Jugend entschied ein Bischof, dass der obligatorische Sonntagsgottesdienst auch am Vorabend stattfinden könne. Meine Eltern, die gläubige Christen waren, nahmen diese Regelung umgehend an, sodass wir fast jeden Sonntag einen Tagesausflug unternahmen. Meine Eltern besassen nie ein Auto, doch sie liebten die Bahn, die Schiffe auf den zahlreichen Seen der Zentralschweiz und die unzähligen Wanderwege, die uns auf so manchen Berg und wieder hinunterbrachten. Gewandert bin ich immer gerne. Das ist etwas, das ich die letzten Jahre vermisst habe, aber baldmöglichst wieder aufnehmen will. Ich liebte die Picknicks. Egal, ob dicke Eier, Wurst und Brot oder eine aufgewärmte Suppe auf dem tragbaren Gaskocher. Sirup aus der Flasche und kurz vor der Heimreise konnte es sich mein Vater so einrichten, dass er in einer Kneipe nahe des Bahnhofs noch ein Bier trinken konnte. Wir Kinder profitierten davon und bekamen eine Ovo und einen Nussgipfel.
Ach, wie herrlich ist doch die Schweizer Bergwelt! Wie einzigartig ist die Aussicht, wenn man auf dem Gipfel steht! Wie stolz schlägt das Herz in dieser dünnen Luft!
In den ersten Jahren verbrachten wir die Sommerferien in der Schweiz. Ich erinnere mich gerne an das Wägital im Kanton Schwyz. Wir faulenzten am See, spielten Federball, fuhren mit dem Boot auf den See hinaus und versuchten uns beim Angeln. Ausflüge in die nahe Bergwelt und durch die idyllischen Landschaften des Gross Aubrig und Bockmattli durften natürlich nicht fehlen.
Meine Eltern vermittelten mir bereits früh ein geregeltes Leben von Montag bis Samstag mit einem sonntäglichen Abenteuer in der nahen Natur oder in den Schweizer Bergen. Bei diesen Ausflügen besuchten wir nie eine Stadt.
Der Sommerurlaub, der wie üblich drei Wochen dauerte, führte uns vom Wägital nach Italien. Zu dieser Zeit gab es ab Luzern Charter-Zugreisen an die Adria, und wir waren dabei. Die Vorfreude war immer riesig. Mein Vater zeigte mir im Schulatlas, wo wir wohnten und wo wir im Sommer hinfahren würden. Er schlug vor, dass wir zusammen den italienischen Stiefel hinunter schwimmen, die Meerenge zu Sizilien durchqueren und auf der westlichen Seite wieder auf Höhe von Rimini an Land gehen. Dann wollten wir Mami von hinten erschrecken, die uns noch im Adriawasser vermutete. Irgendwie gingen diese Pläne dann beim Sandburgenbau und Fussballspielen vergessen. Und irgendwie wurde meinen Eltern die Welt zu klein. Zur Weihnachtszeit erschien endlich der lang ersehnte Ferienkatalog von Hotelplan. Damals war er noch im Querformat und schwarz-weiss. Auf einer der ersten Seiten schaute eine verschleierte Frau mit tiefen Augen den Betrachter direkt an. Mein Vater war von der Frau hingerissen und wollte unbedingt dorthin, aus welchem Grund auch immer. Dieses "Dorthin" entpuppte sich als eine Flugreise nach Al Hoceima in Marokko. Mein Vater war nicht mehr davon abzubringen. Endlich in den Orient! Endlich konnte er einen Teil von dem erleben, was sein Vater damals in Ägypten erlebt hatte. Der Preis spielte keine Rolle und die obligatorischen schmerzhaften Impfungen gegen Cholera waren erträglich. Das Abenteuer rief: unser erster Flug, unsere erste Reise nach Afrika, unser erster Kontakt mit einer damals sehr fremden Kultur, von der wir nur wenig aus dem Polyglott-Reiseführer wussten und nicht im geringsten verstanden.
Ich wurde schon früh vom Reisefieber gepackt. Für meine Eltern konnte es während der Sommerferien nur heissen: neue Länder erobern! Während des kurzen Winterurlaubs blieben wir den Schweizer Bergen treu. Lenk und Grächen waren dabei die grossen Renner.
Im Sommer kam logischerweise Tunesien an die Reihe. Sousse, Mohammedia und Djerba waren die Orte, an denen wir unseren Badeurlaub verbrachten. Weitere Ziele in Europa kamen hinzu, darunter verschiedene griechische Inseln und Zypern. Als erneut Djerba gebucht wurde, musste ich mich im Alter von knapp 18 Jahren auf eigene Reisen begeben.
Die erste grosse Reise – Klassenlager, Skilager und Helferwoche bei den Bergbauern nicht mitgerechnet – war eine Zugreise mit Interrail durch Europa mit zwei Schulfreunden. Damals gab es noch keine Handys und es war ein ungeschriebenes Tabu, während des Mittagessens jemanden anzurufen. Zwischen meiner inzwischen verheirateten Schwester und meiner Mutter gab es einen Geheimcode: dreimal auflegen, fünfmal abnehmen. Ein Code, der nur für Notfälle bestimmt war und zum Glück nie angewendet werden musste. Einmal im Jahr gab es, wie bei den Sirenen, einen Probealarm und an diesem Tag gab es kaltes Mittagessen.
Zurück zur Zugreise. Wir drei Jungs vereinbarten, dass jeder an einem bestimmten Tag zur Mittagszeit zu Hause von unserer geplanten Sommerreise berichtet und dabei stolz erzählt, dass die Eltern der beiden Mitreisenden bereits ihre Zustimmung gegeben haben. Natürlich wollte kein Elternpaar hinten nachstehen, und ich kann verraten: Es hatte geklappt!
So zogen wir mit Tramperrucksäcken, die mit Schweizer Fähnchen verziert waren, zuerst einmal nach Paris. Von dort aus ging es in die Bretagne und dann setzten wir nach London über. Da es in England verregnet war, ging es über Holland und Belgien an die Côte d'Azur. Das Geld wurde langsam knapp, aber am Strand zu schlafen war kostenlos und ein Sonnenbrand war inklusive. Glücklich und todmüde kehrten wir drei in unsere jeweiligen Heime zurück, schliefen erst einmal 48 Stunden am Stück und futterten uns dann satt.
"Ich
habe ihn viel zu spät entdeckt, und zwar genau in dem Moment,
wo ich
ihn brauchte, und genau dort, wo ich ihn brauchte."
Nicolas
Bouvier, Lob der Reiselust, Seite 94,
über Gobineau Joseph Artur,
Essay über die Ungleichheit der Menschmassen.
