Zeit vergeht

05.04.2026

Seit zwei Monaten habe ich nichts geschrieben. Den Laptop habe ich kaum genutzt, obwohl es an Stoffen für mehrere Artikel nicht gefehlt hätte. Und genau das ist der Grund, warum ich nicht geschrieben habe. In den vergangenen Wochen ist so viel auf der Welt geschehen und über so vieles nicht mehr berichtet worden, dass mein Kopf sich schwer anfühlt, gefüllt mit all meinen Gedanken zum Tagesgeschehen.

Im März waren wir ausserdem im Fastenmonat Ramadan, bekamen Besuch von der Abuela, eine hartnäckige Grippe suchte mich über zwei Wochen heim und dazu meldeten sich ausgerechnet im ungeschicktesten Moment meine sich bildenden Nierensteine.

Kurz bevor die ersten Krankheitssymptome auftraten, diskutierte ich mit meinen Freunden bei Bier und Tapas über die Lebensqualität und darüber, wie und wo man das Leben am besten geniessen kann. Bereits die Grippe zeigte mir, dass ohne Gesundheit keine Qualität bestehen kann. Während man sich einem Virus unterwirft, ist der Körper ein plumper Sack und der Kopf brodelt vor sich hin und spuckt herrliche Artikel zur Weltlage, zum Benehmen der eigenen Kinder und deren Zukunft aus, die fliessend vor meinen inneren Augen ablaufen, aber nie zu Papier kommen.

Zum Schreiben muss ich Vertrauen zur Leere haben, zum leeren, weiss-grauen, unbefleckten Bildschirm vor mir.

Diese Gedanken und Ideen kämpfen sich nur in diesen Fieberträumen hervor und sind nun vor dem Bildschirm nicht mehr im Wirrwarr der Gedanken zu finden.

Aber auch eine Grippe bietet die Gelegenheit, sich im Bett liegend zu betätigen und nicht nur auf das Handy zu starren, sondern auch, um sich im Schach zu üben und dabei die dümmsten Anfängerfehler zu machen. Wenn ich einen klaren Kopf habe, bin ich fast nicht zu schlagen. Wenn jedoch Fieber einsetzt, verspiele ich meine Dame bereits im dritten Zug, breche das Spiel ab und weiss, dass es Zeit ist zu schlafen und sich meinen Gedanken hinzugeben.


Eine andere Betätigung ist das Lesen. Endlich konnte ich den spanischen Bestseller La Peninsula de las Casas Vacias von David Uclés zu Ende lesen.

Der vor allem im ersten Teil phänomenale Roman, der ab dem zweiten Kapitel über den Bürgerkrieg erzählt, erscheint im Herbst 2026 auf Deutsch im Secession Verlag unter dem Titel "Die Halbinsel der leeren Häuser".
Der erste Teil erzählt die Geschichte von Odisto, seiner Familie und seinem imaginären Dorf Jandula. Jandula könnte jedoch jedes Dorf in der Sierra Magina in der andalusischen Provinz Jaén sein. Die Landwirtschaft findet in einer fast unzugänglichen Gegend statt. Steile Berghänge mit Gärten und vor allem Olivenbäumen. Wo das Tal etwas flacher wird und Wasser fliesst, finden sich Obstbäume, vor allem Kirschbäume, die in der Blütezeit im Mai einen herrlichen Kontrast zum Grün der Oliven bilden. Ich las das Buch auf Spanisch und musste endlich wieder ein Wörterbuch zu Hilfe ziehen, denn der junge Uclés verwendet alte Redensarten, die heute nicht mehr geläufig sind und einem Forastero nur noch spanisch vorkommen. Es ist herrlich, diese ersten 150 Seiten des Buches zu lesen, sich im Früher zu vertiefen und als Leser Teil der Dorfgemeinschaft von Jandula zu sein.

Dann beginnt der Spanische Bürgerkrieg und Uclés schickt die uns liebgewonnenen Bürger Jandulas in den Krieg. Den einen schickt er nach links, den anderen nach rechts, hier ein bisschen Besessenheit, dort ein bisschen Homosexualität. Orte, die von der Geschichte Spaniens bekannt sind, werden wie im 14. Jahrhundert von Reisenden geschildert. Dabei masst er sich als Autor an, mit den Verantwortlichen zu diskutieren, und zeigt, dass er den einen oder anderen am Leben lassen kann oder dass es in seiner Macht steht, wann und wo jemand stirbt. Uclés erhebt sich zum Gott seiner Geschichte, und seine Fantasie erreicht Punkte, die gestrichen gehören. Weniger wäre hier mehr. Die letzten Seiten sind nach der Niederlage der Republikaner wieder humaner und lesenswerter, auch wenn das Ende und das Scheiden Odistos, "Caballero, vamos a dar un paseo", nicht die gewünschte Aussage des Guardia Civil ist, die der Leser mitnehmen möchte.
Ein historisch interessanter Roman, der um einige hundert Seiten gekürzt ein Erfolg wäre. Schade um die Arbeit der Übersetzer.


Wenn sich ein langjährig befreundeter Schriftsteller und ein Maler, die beide am Bodensee daheim sind, Gedanken über ihre gemeinsame Landschaft machen, entsteht ein Büchlein voller herrlicher Illustrationen und dazu unabhängige Texte, die weder kommentieren noch beschreiben.
Die Aquarelle von André Ficus sind Augenblicksbilder. Martin Walser hat aus Naturempfinden und Geschichtsbewusstsein brillante Texte mit Scherz, Satire und tiefer Bedeutung geschrieben.

"Ich liebe den See, weil es sich bei ihm um nicht Bestimmtes handelt. Wie schön wäre es, wenn man sich allem anpassen könnte. Auf nichts Eigenem bestehen. Nichts bestimmtes sein. Das wäre Harmonie. Gesundheit. Ich-losigkeit. Aber nein, dauernd muss man tun, als wäre man der und der. Und genau der stirbt doch."

"Bei dieser Tätigkeit darf jeder, was er muss. Den Spielraum dieses Müssens zu finden, ist die ganze Kunst. In Kunst und Leben. Leben und Kunst, nichts befindet sich weniger im Gegensatz als die zwei. Kunst und Leben, das ist eine Seite der Medaille. Die andere ist leer. Das ausschlaggebende Motiv beim Darstellen ist also das Sichverhalten, das Verbergen. In Kunst und Leben. Wir sind verpflichtet, einander als gelöste, ausgeglichene, ununglückliche Menschen zu erscheinen. Wir machen alle gute Miene zu einem Spiel, das auf jeden Fall für uns alle tödlich endet."


Tschingis Aitmatow erzählt in seinem Roman "Der weisse Dampfer" eine ganz andere Geschichte. Die Erzählung führt uns an die Ufer des Issyk-Kul, zu seinen Berghängen und zu den immer weissen Bergen des Pamir-Gebirges. Hier lebte ein Junge bei seinem Grossvater und dessen Frau in einer abgelegenen Försterei. Diese wurde von seinem Onkel geführt, der unglücklich über die Kinderlosigkeit seiner Frau war. Wenn er zu viel Wodka getrunken hatte, prügelte er seine Frau und klagte sein kinderloses Leid. Der Grossvater war für diesen Jungen das Ein und Alles. Von ihm erbte er ein Fernrohr und bekam eine Schulmappe geschenkt. Sonst lebte er in seinen zwei Welten. In der einen Welt war er Nachfahre einer gehörnten Hirschkuh und in der anderen Welt konnte sich in einen Fisch verwandeln, um flussabwärts bis in den See zu schwimmen, in dem sein Vater auf dem weissen Dampfer arbeitete.

Die Geschichte erzählt vom schwierigen Leben in einem weiten, fast unbewohnten Tal in Kirgistan. Die acht Menschen, die in der Försterei leben, haben alle ihre eigenen Probleme und versuchen, ihren eintönigen Alltag auf ihre Weise zu meistern. Der Grossvater erzählt dem Jungen die Geschichte von der gehörnten Hirschkuh, die für ihn zu einer Art Religion wird. Doch dann wird das Märchen zur Wirklichkeit und alle Vorsätze geraten aus den Fugen.

Das Ende des Märchens von der gehörnten Hirschkuh wird zur Prüfung für den Grossvater, an der er kläglich scheitert. Das Scheitern des so geliebten und verehrten Grossvaters zwingt den Jungen, sein eigenes zweites Märchen zu leben. Er kann sich in einen Fisch verwandeln; nur sein Kopf mit den abstehenden Ohren verrät, dass es sich um den Jungen handelt. Doch als er das wahre Gesicht der gehörnten Hirschkuh versteht, stürzt er sich in sein Märchen, in den eiskalten Fluss, um als Fisch zu seinem Vater, dem Matrosen auf dem weissen Dampfer auf dem Issyk-Kul, zu schwimmen. Der Junge stirbt im eiskalten Wasser, bevor er merkt, dass auch sein eigenes Märchen Trug und Lug ist. Hoffen wir, die Leser, dass wenigstens sein Körper die Ruhe und Weite des Issyk-Kul gefunden hat.

Share