Jack Kerouac

22.06.2026

Wie kommt es, dass ich ein 1980 gekauftes Buch bis heute mit mir herumtrage? Von der Schweiz nach Spanien, dann nach Marokko, zurück in die Schweiz, weiter nach Deutschland, von einer Wohnung zur nächsten und schliesslich in den Camper, um wieder in Spanien zu landen. In den über 45 Jahren sind die Seiten braungelb geworden, der Umschlag hat an Farbe verloren, doch die Worte sind geblieben.

Im August 1980 war ich 19 Jahre alt und beendete meine kaufmännische Lehre bei der Winterthur Versicherung. Ich arbeitete temporär, um Geld zu verdienen und mit meiner damaligen Freundin im selbst umgebauten Döschwo nach Jugoslawien zu reisen. Ich hatte ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft an der Gibraltarstraße 8 in Luzern und das Leben war toll.

Wir träumten von der grossen Freiheit, liebten uns und genossen das Leben. In unseren Träumen kamen eher Länder wie der Iran, Afghanistan und Pakistan vor, nicht aber die USA. Doch der Roman von Jack Kerouac handelt von diesem weiten Land. Jack lebte bei seiner Tante in New York und trampte querfeldein über Dover zu seinen Freunden nach San Francisco. Er lebt ein Leben, von dem wir träumen. Doch irgendwie sind wir zu bürgerlich, um uns als Landstreicher zu sehen. Darum reisen wir mit der Ente über Liechtenstein, Vorarlberg und den Brenner nach Venedig und weiter bis Triest, um uns im kommunistischen Jugoslawien umzusehen und unsere Jeans im Meer zwischen Steinen zu baden, damit sie ihre steif-bürgerliche Farbe verlieren.

Jack Kerouac gehörte zu dieser Gruppe von Schriftstellern ihrer, unserer Zeit, zu der auch Charles Bukowski und John Dos Passos zählen. Drei Männer, die in Amerika lebten, sich aber nie getroffen haben, obwohl sie sich sicher viel zu erzählen gehabt hätten. Neben den bereits erwähnten Amerikanern gab es in der deutschsprachigen Literatur Autoren wie Kafka, Hesse und Böll, um nur drei zu nennen. Hier dürfen wir natürlich den Franzosen Louis-Ferdinand Céline nicht vergessen. Er wurde 1932 durch seinen Roman "Reise ans Ende der Nacht" bekannt. Er war auch für die nachkommenden amerikanischen Autoren und für uns Leser dieser einschlägigen Literatur bedeutend. Diese Art von Literatur ging Hand in Hand mit der alternativen Musik, die wir hörten.

Jack Kerouac wurde am 12. März 1922 geboren, ist also so alt wie meine Mutter, und die beschriebenen Reisen fanden in den Jahren 1947 bis 1949 statt, in denen auch meine Schwester geboren wurde.
Jack und seine Schriftstellerkollegen haben nichts bis gar nichts gemeinsam mit meinen Eltern. Nicht nur lebte er in Amerika und meine Eltern in der Schweiz, sondern meine Eltern waren auch gut bürgerlich, ehrlich und arbeitsam.
Sicher wurden Teile unserer Generation in den 1980er Jahren als Rebellen angesehen, doch kamen wir nie auf das Niveau von Sam, Dan, Ed Dunkel und Marylou, um nur einige der Figuren im Roman zu nennen. Das Buch "Unterwegs" von Jack Kerouac war fester Bestandteil unserer persönlichen, intimen Bibliothek. Wir kamen durch Empfehlungen zu diesen Büchern. Wenn man einen der zuvor erwähnten Autoren las, kam man automatisch auf den nächsten zu sprechen – und damals gab es noch kein Internet.

Im Sommer 1980 kaufte ich das Buch Unterwegs. Ich habe den Roman dann kurz danach gelesen und das Ende mit dem Datum 4.8.80 versehen. Es gibt keine Notizen von mir. Erst sechs Jahre später, als ich das Buch im heiss sommerlichen Granada zum zweiten Mal las, machte ich mir folgende Notiz:

Es kommt einem so manche Erinnerung und Gedanken, wenn man ein Buch nach 6 Jahren wieder in der Hand hält. Vor 6 Jahren waren wir noch jung, wie wir selbst und steckten voller Sehnsucht und Wünschen, wie dieser Jack und Dean. Und es hat sich in diesen Jahren verändert: für mich nichts. Das Suchen geht weiter und weiter, vielleicht endet es mit dem Tode. Aber auch dies ist nicht sicher. Aber mir gefällt die Suche nach dem Es.

Nun, Anfang Sommer 2026, also 40 Jahre nach der ersten und 46 Jahre nach der zweiten Lesung mit den erwähnten Randnotizen, erschrecke ich mich vor allem über zwei Dinge: Erstens darüber, wie schnell die Zeit vergeht – denn 46 Jahre sind keine kurze Zeit. Da gibt es zwischen damals und heute viele Geschichten zu erzählen.

Zweitens, dass wir damals, in der Blüte unserer Jugend, bereits an den Tod gedacht haben. Ich vermerkte: Vielleicht endet es mit dem Tod!

Nun, mit 65 Jahren im Ruhestand und endlich genügend Zeit, denke ich manchmal fast unfreiwillig über mein Leben und die Menschen nach, die mich auf meinem Lebensweg begleitet haben. Durch die jeweiligen Gedanken und die für mich notwendige Niederschrift kann ich die Mehrheit dieser Kapitel meines Lebens abschliessen. Es bleiben die schönen Erinnerungen.

Unterwegs werde ich zu Ende lesen, vielleicht finde ich weitere Gedanken, die zu uns gehörten und Teil unseres Seins bilden. Und da habe ich die ersten bereits gefunden! Ich lese übrigens die Taschenbuchausgabe aus dem rororo Verlag, Nummer 1035, Auflage 129.-140. Tausend, gedruckt im Oktober 1979. So steht auf Seite 116 geschrieben:

Ich erzählte ihm einen Traum, in dem mich eine fremdartige, arabische Gestalt quer durch die Wüste verfolgte. Vergeblich versuchte ich, ihr auszuweichen, und schliesslich holte sie mich ein, gerade als ich dabei war, die schützende Stadt zu erreichen. Wer soll das sein?, meinte Carlo.
Wir dachten darüber nach. Ich äusserte, vielleicht sei ich es selbst gewesen, im Leichenhemd. Das war es nicht. Irgendetwas, irgendjemand, ein Gespenst verfolgte uns alle durch die Wüste des Lebens und holte uns unachtsam ein, bevor wir den Himmel erreichten. Natürlich, wenn ich jetzt darauf zurückblicke, ist es einfach der Tod: der Tod wird uns vor dem Himmel einholen.
Das eine, wonach wir streben Zeit unseres Lebens, das uns seufzen und stöhnen macht und uns süsse Beklemmungen bringt, ist die Erinnerung an irgendwelche verlorenen Wonnen, die wir wahrscheinlich im Mutterleib erfahren haben und die sich (wenn wir es auch nicht wahrhaben wollen) nur im Tode wiederholen können. Aber wer will schon sterben?
Im Wirbel der Ereignisse hörten diese Gedanken nie auf, sich im Hintergrund meines Bewusstseins zu regen. Ich sprach mit Dean darüber, und er erkannte sofort die einfache Sehnsucht nach dem reinen Tode; und da wir alle dann nicht wieder lebendig würden, hatte er recht, wenn er damit nichts zu tun haben wollte, und ich stimmte ihm damals zu.

Auf Seite 119 wird das erste Mal auf Es! hingewiesen. Dean wird es Sam sagen, doch jetzt ist keine Zeit, sie hatten jetzt keine Zeit. In der Regennacht auf Seite 120 folgt:

Es blieb eine Regenmacht. Der Mythos der Regenmacht. Dean hatte Glotzaugen vor Verzückung. Dieser Wahnsinn würde nirgends hinführen. Ich wusste nicht, was mir geschah. Und plötzlich kam mir zum Bewusstsein, es war nur das Marihuana, das wir rauchten. Dean hatte es in New York gekauft. Es liess mich denken: Nur noch kurze Zeit, und es ist soweit. Das ist der Augenblick, da man weiss, dass bereits alles und jedes für immer entschieden ist.

Ich höre mir Roy Eldridge an. Ich höre Soft Winds mit der gedämpften Trompete und denke: Von 1980 bis heute sind es stolze 46 Jahre. Ich erschrecke. Nicht, dass ich mich mit meinen 65 Jahren alt fühle – nein, ich fühle mich nicht jung, sondern einfach gut. Ich erschrecke, wenn ich darüber nachdenke, was in den vergangenen 46 Jahren geschehen ist – und vor allem, was geschehen wäre, wenn meine damalige Freundin und ich uns vor 40 Jahren nicht getrennt hätten. Wenn wir damals nicht auf den Hund gekommen, sondern Eltern geworden wären. Wir wären eine schöne, gutbürgerliche, spiessige Familie geworden. Wir würden in einem Eigenheim leben, unseren Urlaub aus dem Katalog buchen und seit zwanzig Jahren im Winter zehn Tage im gleichen Hotel, im gleichen Zimmer und am gleichen Tisch verbringen. Im Herbst würden wir auf organisierten Kulturreisen in Kleingruppen die Welt entdecken, alles inklusive, ohne Überraschungen. Die Kinder sind bereits aus dem Haus. Das erste Enkelkind ist da. Ich bin bereits pensioniert, sie in zwei Jahren. Dann wird das Leben erst richtig anfangen, so kurz vor der goldenen Hochzeit! Aber es gab damals kein "wenn", es gab in den vergangenen 40 Jahren kein "aber", es gab nur mein Leben. Hätte es ein Wenn gegeben, wäre das Buch nun zu Ende geschrieben, denn wer liest schon gerne Lebensgeschichten die seinem eigenen Leben gleichen?

Da ändert auch Ella Fitzgerald mit ihrem Lied All I Need Is You nichts am Gestern, nichts am Heute, nichts am Morgen.

Die Strasse führte Sam, Dean und Sal an ihr Ende, nach Mexico City. Hier hörte die Reise auf, somit auch das Buch, aber nicht das Leben – wenn auch Sal an Dysenterie litt. Sie fanden sich wieder in New York, jeder in seinem bürgerlichen Leben. Knappe 300 Seiten voller Abenteuer.

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