John Dos Passos
Nach
amerikanischen Schriftstellern wie Jack Kerouac und Charles Bukowski
wurde es Zeit, wieder einmal John Dos Passos zu lesen.
Laut
seinem Herausgeber wird er wie Ernest Hemingway und F. Scott
Fitzgerald der Lost Generation der amerikanischen Literatur
zugeordnet.
Ich sehe ihn jedoch eher bei den Ersteren, obwohl
sein Leben eher den beiden Letztgenannten ähnelt.
Dos Passos wurde am 16. Januar 1896 als unehelicher Sohn des wohlhabenden, portugiesischstämmigen Rechtsanwalts geboren und wuchs unter der Obhut seiner Mutter auf. Sie war die Geliebte des Vaters und begleitete diesen vor allem auf seinen zahlreichen Auslandsreisen. Noch als Schüler unternahm er mit einem Privatlehrer eine halbjährige Reise durch Frankreich, England, Italien, Griechenland und den Nahen Osten, um dort Meisterwerke der klassischen Kunst und Architektur im Original zu studieren.
Im Jahr 1921 reiste der später weltberühmte Schriftsteller durch die Länder des Nahen Ostens, darunter die neu entstandene Türkei, Georgien, Armenien, den Iran, den Irak und Syrien. Dabei verfasste er einen umfangreichen Reisebericht, der auf Deutsch im Verlag Nagel & Kimche unter dem Titel "Orient Express" erschienen ist. Er durchquerte die Gebiete mit dem Schiff, dem Zug, dem Auto sowie zu Pferd und zu Kamel, wobei die Spuren des Ersten Weltkrieges noch überall spürbar waren. Gefahren lauerten an jeder Ecke, und über gewollte und ungewollte Abenteuer konnte er sich nicht beklagen. Sein später typischer Sprachwitz kommt auch hier nicht zu kurz. Der Reisebericht ist mit knapper Präzision geschrieben und macht auf jeder Seite neugierig darauf, was wohl am kommenden Tag geschieht. Ich lese ihn und kann kaum glauben, dass seit den Erlebnissen bereits über hundert Jahre vergangen sind. Hilfreich ist auch die geografische Karte auf den Umschlagseiten, die die gewählte Reiseroute zeigt.
Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem achten Kapitel mit dem Titel "Auf dem Pilgerweg", Seite 103 der erwähnten und von mir gelesenen Ausgabe:
Ich, Darius, König der Könige – so beginnt die Inschrift auf dem mächtigen Felsrelief von Bisitun. Im schwindenden Nachmittagslicht waren die monumentalen Figuren kaum noch zu erkennen. Links und rechts ragt eine jäh abfallende Felsspitze empor, so dass, wie die Kurden sagen, die Silhouetten eines Hauses mit durchhängendem Dachfirst entsteht. Auf der höheren Felswand, ockerfarben und flechtenüberwachsen, sind die gigantischen Figuren bärtiger Männer auszumachen. Archäologen, die sich in Körben von oben herunterlassen, können die stolze Keilschrift lesen – Ich, Darius, König der Könige ...
